Sie nimmt die Hürden mit Leichtigkeit

Die Zornedinger Leichtatheletin Georgina Schneid ist seit der Geburt gehörlos
Erschienen am 23.12.2017 in der „WeihnachtSZeit“ der Süddeutschen Zeitung

Hürden überwindet Georgina Schneid nicht nur auf dem Sportplatz mit eleganter Leichtfüßigkeit. Dass die Leichtathletin seit ihrer Geburt gehörlos ist und ihre Schritte beim Hürdenlauf nicht hört, hat ihren nationalen und internationalen sportlichen Erfolgen nie im Weg gestanden. Diesen geht sie mit Ausdauer und Ehrgeiz. Sowohl im Leistungssport als auch in der Berufswelt. Offen, freundlich und kommunikativ begegnet die Zornedingerin Gehörlosen wie Hörenden. Als Wandererin zwischen diesen Welten sagt sie: „Ich möchte eine Brücke bauen.“


Georgina Schneid ist eine von rund 80.000 Gehörlosen in Deutschland. Ihre Muttersprache ist die Gebärdensprache. Ohne sich selbst je sprechen gehört zu haben, beherrscht die Siebenkämpferin zudem gut verständlich die Lautsprache. Hörenden liest sie von den Lippen ab. Einer, mit dem sich Schneid oft auch nur mit Blicken verständigen kann, ist Florian Cucu, seit 15 Jahren ihr Trainer beim TSV Vaterstetten. Die 27-Jährige und der 76-Jährige sind ein so sympathisches wie kongeniales Team. Perfekt aufeinander eingestimmt, haben sie miteinander sehr viel erreicht. Unzählige Auszeichnungen und Erfolge bei nationalen oder internationalen Wettkämpfen sowohl für Gehörlose als auch Hörende, bei Europa- oder Weltmeisterschaften, dreimal in Folge die Teilnahme an den Deaflympics, den Olympischen Spielen für die Gehörlosen: Georgina Schneids sportliches Talent steht ihrem Fleiß und ihrer Freude an der Bewegung in nichts nach. „Ich musste mich schon als Kind immer bewegen“, erzählt sie. Im Alter von sieben Jahren entdeckte das sportliche Mädchen beim TSV Vaterstetten seine Begeisterung für die Leichtathletik. Fünf Jahre später fiel Florian Cucu ihr ausgeprägtes Talent auf. Er fördert und fordert sie seitdem mit ungebrochenem Einsatz.


„Mit uns hat es auf Anhieb geklappt“, sagt Cucu. „Ich sehe noch heute, wie sie vor dem ersten Training den Handlauf der Treppe runtergerutscht ist und mir ernst in die Augen geschaut hat.“ Dass eines seiner Kinder schwerbehindert ist und er damit vielleicht mehr Geduld und Verständnis für die gehörlose Sportlerin als andere hörende Trainer aufgebracht habe, spiele keine große Rolle für ihr ausgezeichnetes Verhältnis, meint Florian Cucu. „Es ist Ginas Verdienst, sie ist wirklich jemand Besonderes“, sagt er mit Nachdruck. „Ich habe ihn mal gefragt, warum wir uns nie streiten“, fügt Georgina Schneid hinzu. Die Antwort hätte sie gleich selbst gefunden: „Wir sind uns immer auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt begegnet.“ Dass dies keineswegs selbstverständlich im Lebensalltag gehörloser Menschen beim Zusammentreffen mit Hörenden ist, erfährt auch Georgina Schneid immer wieder. Nach ihrem Abschluss an einer Fachoberschule zur sonderpädagogischen Förderung in München hat sie ihre Ausbildung zur Industriekauffrau bei einem internationalen Konzern absolviert. Dort arbeitet die Zornedingerin nun. „Die Kollegen haben sie ignoriert“, bedauert Florian Cucu. In ihrer neuen Gruppe aber werde sie akzeptiert und könne interessante Fortbildungen absolvieren, freut er sich mit der jungen Frau.


Ihr eigenes Wissen gibt Schneid gerne beim Kindertraining im Gehörlosen-Sportverein München weiter. Und auch, wenn sie heuer aufgrund einer Verletzung zur ihrer großen Enttäuschung bei den Deaflympics nicht mehr an der 4 x 100-Meter-Staffel der Frauen teilnehmen konnte, mit ihrem „wunderbaren Team“ peilt sie nun die Europameisterschaft in zwei Jahren an. „Ich brauche den Sport für die Seele“, sagt sie. Zu schnell aufgeben liegt Georgina Schneid nicht. Das wünscht sie sich auch von den Hörenden, wenn sie mit Gehörlosen kommunizieren und diese nicht gleich auf Anhieb verstehen.

Ina Berwanger

Ein Herz und eine Seele, heute wie damals: Leichtathletin Georgina Schneid und ihr Trainer Florian Cucu. Foto: Ina Berwanger

 

Ina Berwanger 

Freie Journalistin

 

 

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