Wie schallt’s von der Höh‘?

Sepp Wurm - Ramsau, das erste offizielle Bersteigerdorf Bayerns

Veröffentlicht in der Sonderbeilage "Entspannt wandern" der Süddeutschen Zeitung am 1.09.2016

Wie schallt’s von der Höh‘?

… in Ramsau weiß man dies ganz genau. Der Ort am Fuße des Watzmann
ist das erste offizielle Bersteigerdorf Bayerns – dessen Bewohner leben Naturschutz seit jeher bewusst.

Die nicht mehr ganz so junge Verkäuferin hinter der Kuchentheke des Cafés unterhält sich mit ihren amerikanischen Gästen auf Englisch, im kleinen, prall gefüllten Lebensmittelgeschäft erklärt die Ladeninhaberin einer Kundin ganz genau die Herkunft von heimischem Kräuterkäse und Honig: Ramsau hat sich trotz internationaler Besucher einen angenehm bodenständigen Charme bewahrt. Entspannt geht es hier zu – und das passt gut zu der Auszeichnung, mit der sich das Dorf inmitten des Nationalparks Berchtesgaden seit einem Jahr schmücken darf: Ramsau ist das erste Bergsteigerdorf Bayerns.
„Ramsau war schon immer ein Bergsteigerdorf und das wird es auch immer bleiben“, sagt Sepp Wurm. Er muss es wissen. Denn der 35-Jährige ist nicht nur gebürtiger und leidenschaftlicher Ramsauer.
Sondern als Social Media Manager der Berchtesgadener Land Tourismus auch von Berufs wegen Fachmann in Sachen Schönheit und Vielfalt des südöstlichen Zipfels Deutschlands. „Wir haben wohl die größte Bergführerdichte Deutschlands“, so Wurm. „Auf rund 1800 Bewohner kommen 18 Bergführer.“ Die Liebe zum Berg würde den Ramsauern schon in die Wiege gelegt. „Wir sind fast alle bergdamisch, Frauen wie Männer“, meint der von einem Bauernhof stammende Spezialist für soziale Medien. Auch wenn die Arbeit auf dem Hof der Familie Wurm nicht viel Zeit dafür ließ, in die Berge ist er natürlich schon von Kindesbeinen an gekommen. Und die haben es rund um das Bergsteigerdorf Ramsau in sich. Deutschlands zweithöchster Berg, der 2713 Meter hohe Watzmann, im Jahr 2014 von den Lesern der Zeitschrift „Bergsteiger“ zum schönsten Berg der Welt gewählt, liegt ebenso vor der Haustür wie der auch zu sehr anspruchsvollen Touren einladende und auch spektakulär anzusehende Hochkalter (2607 Meter).
Dass der Watzmann von einer Seilbahn oder das Skigebiet Götschen- Hochschwarzeck gar von einer Skischaukel verschont blieben, ist einer der Gründe, die zur Auszeichnung Ramsaus als Bergsteigerdorf geführt haben. Neben dem alpinen Landschaftsbild gehört zu den Kriterien, dass statt Event-Tourismus ein sanfter Tourismus betrieben wird. Diese und andere Bedingungen stellt das Konzept „Bergsteigerdorf“, welches nach dem Österreichischen Alpenverein nun auch der Deutsche Alpenverein im Programm hat. Ramsaus Bewerbung um die Auszeichnung war keine schwierige Gipfelbesteigung. Denn der Ort mit seiner alpinen Bilderbuchkulisse lebe die Kriterien von jeher, so Wurm. Der sanfte Tourismus sei für die Ramsauer immer schon so selbstverständlich wie die Förderung des Naturschutzes. Diesen gewährleiste zudem die Lage mitten im Nationalpark mit seinen Auflagen im Sinne der Natur. Die Regel, den Berg so zu verlassen, wie man ihn betreten hat, würde auch von den Touristen vorbildlich beherrscht, sagt Sepp Wurm. „Sie haben Respekt vor der Natur und auch vor den Tieren“, lobt er. Apropos Tiere: Gämse, Murmeltier, Steinadler oder Steinbock sind typische Bewohner der Region.
Wurm freut sich auch darüber, dass immer mehr junge Leute ihre Liebe für die Natur, zum Wandern und Bergsteigen, (wieder-)entdecken.
„Die beste Wanderzeit ist im Herbst“, verrät er. Jung wie Alt finden beim Wandern und Bergsteigen rund um Ramsau für jede Kondition die richtigen Strecken, manche Spazierwege sind auch mit Kinderwagen oder Rollstuhl möglich. Die Märchenlandschaft des sogenannten Zauberwaldes verführt zum Genuss von Natur pur, der Hintersee nahe Ramsau lädt zum Seelebaumelnlassen ein und mit ein wenig oder etwas mehr Anstrengung beim Anstieg winken zur Belohnung traumhafte Aussichten auf die unberührte Natur. Wer diese mit dem Genuss von Kultur verbinden will, folgt einfach auf dem Maler-Rundweg Spitzwegs und Stifters Spuren. Sie und viele andere haben in berühmten Werken die Schönheit der Natur für immer festgehalten.
Das weltberühmte Motiv des Pfarrkirchleins Sankt Sebastian im Ortszentrum habe sogar einer als Weihnachtskarte gemalt, der nie in Ramsau war – der einstige Präsident der Vereinigten Staaten Eisenhower, schmunzelt Sepp Wurm.
Damit diese Idylle erhalten bleibt, hat sich das Bergsteigerdorf im Berchtesgadener Land durch und durch der Nachhaltigkeit verschrieben.
„Durch die Siegelvergabe, inklusive aller Vorbesprechungen und Checks der Vorgaben durch den ÖAV und DAV, ist innerhalb der Ramsauer Bevölkerung unseres Erachtens nach ein neues Bewusstsein als Bürgerinnen und Bürger eines Bergsteigerdorfes entstanden“, zieht Fritz Rasp, Geschäftsführer der Tourist-Info Ramsau, nach einem knappen Jahr Bilanz. Es habe eine klare Profilierung des Urlaubsortes Ramsau als Bergsteigerdorf stattgefunden. „Auch im Bewusstsein, dass damit touristische Großprojekte wie Seilbahnbau, großflächige Aufstellung von Schneekanonen oder überdimensionierte Hotelprojekte nicht oder nur schwerlich möglich sind.“ Verschiedene Hotellerie- und Gastronomiebetriebe würden nun den Fokus auf regionale Produkte setzen. Und von neuen Kooperationen zwischen Gastronomie und Landwirtschaft profitierten sogar vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen wie Alpines Steinschaf und Schwarzes Alpenschwein. Ina Berwanger

 

Ina Berwanger 

Freie Journalistin

 

 

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