Herzsport Bergwandern

Dr. Robert Altstidl, Kardiologe aus der Reha-Klinik Hochstaufen der Deutschen Rentenversicherung Bund in Bayerisch Gmain im Berchtesgadener Land, im Interview

Erschienen in der Beilage der Süddeutschen Zeitung "Entspannt wandern" am 7.9.2017

In den Bergen mit ihrer einzigartigen Fauna und Flora zu wandern, ist ein  ganz besonderer und nachhaltig erholsamer Genuss für  Körper, Geist und Seele. Vorausgesetzt, dem alpinen Erlebnis gehen einige Vorbereitungen voraus. Denn wer allzu sorglos unterwegs ist, kann seiner Gesundheit leider auch schaden. Stürze und Herz-Kreislauf-Probleme gehören zu den häufigsten Anlässen für Rettungseinsätze von Bergwacht und Notarzt. Werden die Wanderstiefel aber unter der Berücksichtigung einiger Vorsichtsmaßnahmen geschnürt, ist das Bergwandern ein echter „Herzsport“, so Dr. Robert Altstidl. Der Kardiologe aus der Reha-Klinik Hochstaufen der Deutschen Rentenversicherung Bund in Bayerisch Gmain im Berchtesgadener Land erklärt im Interview, woran Wanderer denken sollten, wenn sie auf Schusters Rappen in den Bergen ungetrübten Naturgenuss erleben möchten.

Herr Dr. Altstidl, reichen beim Bergwandern Schwindelfreiheit und Trittsicherheit aus, um sicher unterwegs zu sein?
Nein, das beides allein reicht nicht aus. Wer in den Bergen wandert, sollte darüber hinaus eine ausreichende Grundkondition und Kraftausdauer in der Beinmuskulatur mitbringen. Daher macht es durchaus Sinn, vor einem Wanderurlaub in den Bergen schon daheim mit einem leichten Ausdauertraining zu beginnen, das Muskeln, Gelenke, Sehnen und Bänder, aber auch die Kondition auf die bevorstehende Herausforderung vorbereitet. Denn beim Wandern in den Bergen geht es nur auf wenigen, ausgesuchten Wegen ohne das Bewältigen etlicher Höhenmeter.


Wie gehe ich das Bergwandern am besten an?
Das Wandern am Berg ist zunächst einmal eine Belastung für den Körper, und bei körperlicher Belastung besteht generell ein erhöhtes Risiko für akute Herz- und Kreislaufzwischenfälle. Dieser Belastung passt sich der Körper am besten an, wenn man sich ihr Schritt für Schritt nähert und langsam startet. Das heißt nicht nur, die Wanderung in einem gemäßigten  statt eines schnellen Gehtempos zu beginnen. Sondern auch, an den ersten Tagen leichte Touren ohne viele Höhenmeter zu wählen. Wenn man dabei und danach ein gutes Gefühl im Körper spürt, kann man sich langsam steigern.


Auf die Signale des Körpers zu achten, ist also ein guter Rat?
Unbedingt. Das gilt übrigens nicht nur für Wanderer, die selten in die Berge gehen. Auch geübte Wandersleute sollten achtsam sein. Denn das Alter ist per se ein  Risikofaktor für Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer sich unsicher über die Gesundheit seines Herzens ist oder unter chronischen Krankheiten leidet, sollte vor einem geplanten Bergwanderurlaub vorsichtshalber seinen Arzt konsultieren.

 

Welches sind die Warnsignale des Herzens?
Ich habe meine Patienten bei unserem neuen Angebot Herzsport Bergwandern gebeten, darauf zu achten, ob sie und ihre Mitwanderer sich beim Gehen ohne Luftnot unterhalten können. Herz-Kreislauf-Beschwerden äußern sich nämlich zum Beispiel in Atemnot, Enge-Gefühlen in der Brust, Schwindel oder Herzrasen oder –stolpern. Wer beim Bergwandern eines dieser Symptome spürt, muss sofort eine Ruhepause einlegen. Grundsätzlich sind regelmäßige Pausen empfehlenswert, in denen man sich mit ausreichendem Trinken und leichter Verpflegung stärkt. Braucht der Körper bei Anstrengung ohnehin schon viel Flüssigkeit, so verzeichnen die Rettungsdienste am Berg gerade in anhaltend heißen Sommern deutlich mehr Fälle von Dehydrierung als während instabiler Wetterlagen.


Kann es sein, dass manche Wanderer die Herausforderung Berg falsch einschätzen?
Ja, die besondere Situation in alpiner Umgebung wird oft unterschätzt. Hier kann das Wetter schnell umschlagen und wenn die Sonne weg ist, wird es rasch deutlich kälter. Daher ist ein zeitiger Aufbruch zur Wanderung ebenso ratsam wie ausreichender Zeit-Puffer. Vor dem Start die Wetterlage zu prüfen macht also ebenso Sinn, wie sich über die Streckenführung und –länge wie über die Höhenmeter zu informieren.

 

Und wie schaut es mit einer realistischen Selbsteinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit aus?
Ich fürchte, die kommt manchem Bergwanderer vor lauter Begeisterung über die schöne Natur abhanden. Es kommt immer wieder vor, dass sich die Bergwanderer übernehmen. Sei es, dass sie unbedingt ein bestimmtes Ziel erreichen wollen und beziehungsweise oder die Alarmsignale ihres Körpers schlicht ignorieren. Dann kommen sie über kurz oder lang in einen so großen Erschöpfungszustand, dass sie auch mit einer Pause nicht mehr zu Kräften und dann auf den Rückweg kommen. Also: Nur, wer sich gut vorbereitet und nicht überfordert, ist beim Bergwandern gesund unterwegs.

 

Ina Berwanger

Wer in den Bergen – wie hier zum Beispiel auf dem Königsweg im Berchtesgadener Land - gut vorbereitet wandert, tut nicht nur seinem Herzen etwas Gutes. Foto: R. Altstidl/oh

 

Ina Berwanger 

Freie Journalistin

 

 

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