Medizindetektiv auf dem Land

Dem drohenden Hausärztemangel setzen die Universitäten neue Konzepte entgegen
Erschienen im „Forum Spitzenmedizin“ der Süddeutschen Zeitung am 29.6.2017

Einen spannenderen Beruf als den des Hausarztes könne es in der Medizin kaum geben, findet Prof. Jochen Gensichen. Er ist seit Oktober letzten Jahres Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin. In diesem setzt der Facharzt für Allgemeinmedizin und Wissenschaftler nun durch eine Reihe von Maßnahmen auf die „hervorragende allgemeinmedizinische Lehre in Aus-, Weiter- und Fortbildung, also auf die strukturierte Förderung der nächsten Ärztegeneration.“ Der Generationenwechsel steht vor der Tür: Im Berchtesgadener Land etwa liegt das Durchschnittsalter der Hausärzte bei 57 Jahren, rund 40 Prozent von ihnen sind teils weit über 60 Jahren. Ein neu gegründeter Weiterbildungsverbund will daher vor Ort die Attraktivität der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin steigern.


Bei dem Wunsch, Medizinstudierende und angehende Fachärzte für den Beruf des Hausarztes zu motivieren, treffen sich Praktiker und Universität. Als Prof. Dr. Jochen Gensichen am 1. Oktober 2016 als erster regulärer Ordinarius den Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der LMU übernahm, sah sich der Bayerische Hausärzteverband einem der wesentlichen Ziele zur Aufwertung seines Berufs ein Stück näher: Lehrstühle für Allgemeinmedizin an allen medizinischen Fakultäten in Bayern.  Das 2014 an der LMU gegründete Institut für Allgemeinmedizin hatte zuvor Prof. Dr. Jörg Schelling aufgebaut und geleitet. Die LMU ist nach der Technischen Universität München und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die dritte bayerische Hochschule mit einem regulären Lehrstuhl für Allgemeinmedizin. Gensichen, habilitierter Mediziner und Diplom-Pädagoge, hat auch Gesundheitswissenschaft studiert und bringt eine breite Palette praktischer und auch international tätiger wissenschaftlicher Berufserfahrung mit. Wenn der 53-Jährige darüber spricht, wie die universitäre Ausbildung ihren Beitrag zur Abwendung des drohenden Hausärztemangels leisten kann, ist er auch gleich mittendrin in einem leidenschaftlichen Plädoyer für den Beruf des Hausarztes.


„Unter den etwa 135 Spezialisierungen in der Medizin ist der Hausarzt derjenige, dem die Zusammenschau obliegt“, sagt Gensichen. Wenn die Patienten mit mehreren Diagnosen von Fachspezialisten kämen, müsse der Allgemeinmediziner wissen, wie sich Erkrankungen und auch ihre Medikationen gegenseitig beeinflussen könnten. Damit die Hausärzte diese sehr anspruchsvolle und herausfordernde Aufgabe meistern könnten, „müssen wir sie gut auf ihre Arbeit vorbereiten“, so der Ordinarius für Allgemeinmedizin. Dies gelte auch für ein zweites großes Thema in den Praxen der Hausärzte, das Erkennen der Frühsymptomatik. „Auch jede schwerste Erkrankung beginnt mit leichten Beschwerden“, erklärt Gensichen. „Der Hausarzt ist der Erste, der sich damit beschäftigt, er arbeitet mit der Zeit und beobachtet systematisch, muss zunächst vielleicht Unspezifisches richtig einsortieren können.“ Im Grunde sei der Hausarzt eine Art „Medizindetektiv“, bringt es Gensichen auf den Punkt. Kein anderer Arzt arbeite so nah am und mit dem ganzen Menschen, sagt er. Es gebe keinen anderen ärztlichen Beruf, der eine so starke Arzt-Patienten-Bindung habe.


Er betont, dass die Allgemeinmedizin das einzige Fach sei, das sich an der Universität mit dem beschäftige, was in einer niedergelassenen Hausarztpraxis passiere. Mit Gensichens Berufung geht die LMU dem nun in Lehre und Forschung noch wesentlich intensiver nach. Das Institut hat seinen Mitarbeiterstamm kräftig ausgebaut, Forschungsprojekte zur Arbeit der Hausärzte stehen ebenso auf dem Programm wie zum Beispiel ab Herbst eine besondere Weiterbildung in Allgemeinmedizin: Das hochkarätige Programm will junge Ärzte so umfassend qualifizieren, dass sie anschließend als Führungskräfte in Landesärztekammern, Kassenärztlichen Vereinigungen, Forschung, Lehre oder Praxen arbeiten können. „Unser Auftrag ist es, gute und kompetente Ärzte auszubilden“, sagt Prof. Gensichen. „Außerdem wollen wir den Studierenden mit Blick auf ihre anschließende Fachspezialisierung den Hausarzt näher bringen.“ Der Ordinarius freut sich in diesem Zusammenhang über eine anstehende zweite ordentliche Professur in seinem Fachbereich, denn „so haben wir noch mehr Zeit, das Fach vorzustellen.“ Ein guter, weil buchstäblich praxisnaher Weg, den Studierenden erste Einblicke in den abwechslungsreichen Beruf des Hausarztes zu geben, sind zweiwöchige Praktika. Die Approbationsordnung für Ärzte sieht zudem seit Oktober 2013 für Studenten, die sich zum zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung anmelden, innerhalb der insgesamt viermonatigen Famulaturen – also Praktika für angehende Ärzte – auch eine Pflichtfamulatur von einem Monat in einer Einrichtung der hausärztlichen Versorgung vor. An den klinischen Teil des Medizinstudiums an schließt sich das  Praktische Jahr (PJ) an. Bislang können die Medizinstudenten ein Tertial des PJ in der Allgemeinmedizinerpraxis absolvieren.


Der Ende März dieses Jahres von Bundesgesundheitsminister, Bundesforschungsministerin sowie Vertretern der Gesundheits- und der Kultusministerkonferenz der Länder und der Koalitionsfraktionen des Deutschen Bundestages beschlossene, aber wegen der Finanzierung noch in der Diskussion befindliche „Masterplan Medizinstudium 2020“ zur Reform des Medizinstudium sieht hingegen ein verpflichtendes PJ-Quartal in der Hausarztpraxis vor.  Er will das Medizinstudium unter anderem mit mehr Praxisbezug versehen und richtet einen weiteren Fokus auf die Stärkung die Allgemeinmedizin. So sollen die Studierenden in Zukunft allgemeinmedizinische Inhalte möglichst schon ab dem ersten Semester und dann über das gesamte Studium hinweg vermittelt bekommen und Allgemeinmedizin soll dann auch im Staatsexamen geprüft werden. „Die Stärkung und Aufwertung des Fachs Allgemeinmedizin an den Universitäten ist ein ganz wesentlicher Baustein bei der Gewinnung von hausärztlichem Nachwuchs - gerade auch in ländlichen Regionen“, so Dr. Dieter Geis, Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, in einer die schnelle Umsetzung des Masterplans fordernden Presseerklärung vom 31. März 2017.


Den Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis betont natürlich auch Ordinarius Gensichen. „Hausarztmedizin ist auch Spitzenmedizin“, sagt er. Natürlich müsse sich auch die Allgemeinmedizin wie jedes andere Fach Wirksamkeit, Patientensicherheit und Kosteneffizienz prüfen lassen. Dazu würde es guter Forschung bedürfen, die er am Institut für Allgemeinmedizin vorantreiben wolle. Es sei noch nicht so lange her, dass die LMU erkannt habe, dass die Medizin nicht erst in der Notaufnahme beginne und nach der Entlassung ende, sondern der Patient schon davor und auch danach von einem anderen Arzt, nämlich in der Regel seinem Hausarzt, behandelt würde, meint Prof Gensichen. Er und seine Mitarbeiter wollen nun unter anderem in einer Studie untersuchen, ob Hausärzte zur nachhaltigen Wirkung der Spitzenmedizin auf Intensivstationen beitragen können. Dies wäre der Fall, wenn der Hausarzt eine mögliche posttraumatische Störung seines zuvor auf einer Intensivstation behandelten Patienten erkennt und im Gespräch abschätzt, ob es gegebenenfalls einer Behandlung durch den Facharzt bedarf. Forschungsergebnisse sollen zügig in die Praxen gelangen und umgekehrt wünschen sich Gensichen und seine Mitarbeiter auch lebendigen Austausch und Rückmeldung aus den allgemeinmedizinischen Praxen.


Dazu gehören auch Begleitung und Weiterbildung der von rund 250 auf aktuell um die 300 aufgestockten Lehrpraxen, mit denen die LMU kooperiert. Eine von ihnen führt Dr. Reinhard Reichelt aus Schönau am Königssee. Er ist Hausarzt mit Leib und Seele – und einer Weiterbildungsermächtigung für Allgemeinmedizin. In der mit seiner Frau geführten Gemeinschaftspraxis kann er daher auch PJ-Studenten aufnehmen. Auf Wunsch auch mit Familienanschluss, denn die Reichelts leben ihren Beruf, haben eine Ferienwohnung im Haus und freuen sich, wenn die „sehr gute Studenten“ hinter die Kulissen einer Hausarztpraxis schauen wollen. Der 1. Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Berchtesgadener Land war auch eine der treibenden Kräfte für den Anfang März ins Leben gerufenen Weiterbildungsverbund. Dieser bietet die verschiedenen Abschnitte der allgemeinmedizinischen Weiterbildung aus einer Hand an. Der aus 15 Hausarztpraxen, sechs Facharztpraxen und drei Kliniken bestehende Verbund hofft, dass so mancher der Teilnehmer nach der Facharztprüfung in Allgemeinmedizin im Landkreis bleibt. „Viele Studenten sind ganz überrascht von dem Spektrum, das sie in unserer Praxis erleben“, sagt Reichelt. Das sieht auch Prof. Gensichen so: „Auf dem Land sind die spannendsten Praxen, hier lernen die Studenten am meisten, die ärztlichen Arbeiten sind hier noch viel umfassender als in den städtischen Hausarztpraxen.“ Er habe seine „Entscheidung nie bereut“, so Reichelt. „Langweilig ist die Arbeit als Hausarzt nämlich niemals.

Ina Berwanger

 

Ina Berwanger 

Freie Journalistin

 

 

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